BROOKLYN TWEED UND DAS TARGHEE-COLUMBIA-SCHAF

Alles begann mit einem Knit along

Seit dem Brooklyn Tweed Knit Along auf Marisas Blog Maschenfein Berlin beschäftige ich mich intensiv mit den zwei Zwirnqualitäten Loft und Shelter der Brooklyn Tweed Garnen. Brooklyn Tweed ist ein junges amerikanisches Unternehmen, das Tweedgarn mit einer rein amerikanischen Produktionskette herstellt und das es in nur 3 Qualitäten gibt, den Zwirnen Shelter und Loft und seit neuestem auch dem Dochtgarn Quarry.

Es handelt sich also quasi Regio-Wolle. Beim Stricken stellte ich fest, dass mich die Garne etwas fordern. Und dank Marisa bemerkte ich, dass es nicht nur mir so geht. In unserem Interview soll es das nächste mal auch um die Fragen der anderen Stricker gehen, die mit den Tweedgarnen auf den Nadeln aufgekommen sind.

 

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Doch hier erstmal nur meine persönlichen Erfahrungen. Ich strickte zu erst Shelter, das ist der etwas dickere 2-fach Zwirn. Mit den 4,5 er Nadeln strickte ich ein Rippenbündchen einer Mütze und mit 5er Nadeln den Mützenkorpus in Aranmuster. Was mit sofort auffiel war, dass die Rippe sich ganz anders entwickelte, als ich es von meinem eigenen Garnen gewohnt war. Sie Rippe wurde weniger plastisch und federte nach Dehnung nicht mehr in die Ausgangslange zurück. Also ribbelte ich das ganze wieder auf und schlug weniger Maschen an. Außerdem befürchte ich nun, dass sich das Bündchen mit der Zeit ausleihen wird.

 

Mein 1. Learning

IMG_1629Meine Mützenbündchen funktionieren bei meinem Kammgarnen super, doch bei Tweedgarn brauchen sie weniger Maschen. Das bedeutet natürlich auch, dass ich das Korpusmuster verändern muss: ich muss Maschen zunehmen, den Aran kostet Oberfläche und ich muss es neu auf die verringerte Rippenanzahl anpassen. Außerdem bemerkte ich, dass Aufribbeln bei Tweed, ziemlich uncool ist. Die bereits luftige und losere Garnoberfläche macht das nicht unbegrenzt mit. Sie verliert an Stabilität und Belastbarkeit. 2. Learning: überleg dir gut, was du strickst bevor du es strickst. Zu guter letzt bemerkte ich, dass dieses Tweedgarn besonders schnell reißt. Als ich bei Loft die Strandbindung aufknoten wollte, erledigte sich das Knoten schnell von alleine. Ich zwirbelte also den Zwirn aus Neugierde mal auf und zog ein paar Fasern ab. Und ich war baff, wie extrem kurz die Fasern darin sind. 3. Learning: Tweed ist nicht gleich Tweed.

Der Gesamteindruck war: an Brooklyn Tweed ist irgendetwas anders…Hm.

Um heraus zu finden, was an diesen Garnen anders ist, begann ich der der Faser zu folgen und auf diesen kleinen Tripp möchte ich euch jetzt mitnehmen.

 

Targhee-Columbia aus Wyoming

Alle Garne werden aus der amerikanischen Schafrasse Targhee-Columbia aus Wyoming produziert.

 

Targhee-Sheep Wyoming

 

Darf ich vorstellen, das ist ein Targhee-Schaf aus Wyoming. Ja, richtig, das ist kein Targhee-Columbia-Schaf. Und da fängt es schon an.

 

Crossbreed aus Crossbreeds

Das Targhee-Columbia-Schaf ist eine Crossbreedrasse aus 2 Crossbreedrassen.

Eine crossbreedcomposite breed oder synthetic sheep ist eine Schafrasse, die aus der Kreuzung zweier anderen Rassen entstanden ist. Auf diese Weise können Schafrassen für bestimmte Landschaften oder eine bestimmte Nutzung optimiert werden. Ein Beispiel für eine angepasste composite breed sind die Corriedale, die um 1880 in Neuseeland gezüchtet wurden. Vorherrschende Rassen wie die Merinos waren für trockene Graslandschaften geeignet oder für satte Weidengegenden wie die Romneys. Gewünscht war aber ein Schaf für eine Region dazwischen. Also kreuzte man Merinos mit Leicesters (Lincolns) und das Ergebnis waren die Corriedales.

Unser Schaf ist also eine Kreuzung aus Targhees und Columbias. Beide Rassen sind aber selbst Kreuzungen: Das Columbia-Schaf ist eine Kreuzung aus Rambouillet und Lincoln. Beim dem Targhee ist es noch etwas verzwickter: Es wurden Rambouillets Böcke mit Crossbreed-Mutterschafen bestehend aus Rambouillet gekreuzt mit Corriedales oder Lincolns.

Das waren jetzt viele Kreuzungen auf einmal. Deshalb möchte ich gerne erstmal alle beteiligten Schafe einzeln vorstellen. Kennt man sie etwas besser, dann fällt es leichter, die Kreuzungen nach zu verfolgen.

 

Die alten englischen Longwools

Lincoln_sheepEin eine Rasse, die in unsere Wolle vorkommt sind die Lincolns und Leicesters (Abb. links). Beide gehören zur english longwoolfamily, die möglicherweise auf einen Schafimport der Römer während dem Römischen Reich zurückgeht, so will es zumindest Plinius gewusst haben. Die Leicester-Schafe produzieren die längsten Lochen bis zu 36 cm. Meist werden sie 2 mal jährlich geschoren, um die Fasern besser industriell nutzen zu könne. Sie sind die Rasse Nr. 1 für lange Locken, die bei Handspinner sehr beliebt sind. Die Lincolns sind ebenfalls eine alt eingesessene englische Langhaarrasse aus Lincolnshire. Die Tiere waren aber recht schmächtig und boten wenig Fleischertrag. Robert Bakewell kreuzte die Lincolns mit dem Leicester und das Ergebnis waren größer und breiter Tiere. Diese Tiere wurden dann von Schäfern wieder in die Lincolns eingekreuzt, so dass die Schafe neben dem großen Wollertrag auch einen Fleischertrag lieferten.

 

Der Cousin des königlichen Merinos

A_merino_ram._Lithograph_after_N._Huet,_the_elder._Wellcome_V0021693Eine weitere Rasse sind die Rambouillets und die sind verwand mit den Merinos (Abb. links). Die Familie des Merinoschafes hat königliche Wurzeln. Im 12. und 13. Jh., zur Zeit der Almohaden, kreuzte der spanische Herrscher seine Mutterschafe mit Böcken der Berber in Marokko auf der anderen Seite der Straße von Gibraltar. Das Ergebnis waren Schafe mit äußerst feinen und dichten Wollvliesen. Sie wurden nach dem afrikanischen Stamm der Meriniden benannt. Im Mittelalter stand der Export dieser neuen Schafrasse unter Todesstrafe und Spanien betreibte weltweit Handel mit seiner feinen Wolle (Abb. rechts).

merinoAb dem 18. Jh. war der Export der Tiere erlaubt und Ludwig der 16, König von Frankreich und Bourbone (Herrscher Spanien seit 1700) holte sich round about 400 Tiere auf seine Nebenresidenz in Rambouillet in Nordfrankreich. Er veränderte die Merinos durch Züchtung und es entstand die eigene Rasse der Rambouillets. 1840 gelangten die Tiere dann nach Nordamerika und passten sich weiter an. Die heutigen Rambouilltes tragen in ihrer Wolle noch viel von ihren Vorfahren den Merinos, wie der leichte Glanz, die Belastbarkeit und der regelmäßige Crimp (Kräuselung).

Wir haben also mit diesen Rassen zu tun: Rambouillet, Lincoln, Corriedale (siehe oben, crossbreed). Was passiert nun mit dem Fasern bei der Kreuzerei? Jede Faser trägt die Eigenschaften der genetischen Vorfahren in unterschiedlicher Gewichtung in sich.

 

Die Fasereigenschaften

Schauen wir uns also mal die Fasern und ihre Eigenschaften an.

 

Rambouillet (Finewoolbreed)

 

rambouillet

 

Die Merino-Abkömmlinge liefern ein genauso hochwertiges Wollvlies wie ihre Vorfahren, aber mit einer kürzeren Stapellänge und weniger Glanz. Sie haben auch einen definierten Crimp, der aber unorganisierter ist als bei Merinos. Die Fasern sind damit wärmer, elastischer und voluminöser. Durch einen langen Auszug wird das Garn bouncy und voluminös. Durch die kürzeren Fasern und einem höheren Anteil kurzer Fasern im Vlies ist es wichtig das Garn nicht zu dick zu spinnen oder mit einem hohen Dralleinstatz. Andernfalls kann es zu fehlender Stabilität im Garn kommen. Rambouillet ist eine Faser, die für Streichgarn gut geeignet ist (woolen).

  • Stapellänge: 5-10 cm (eher kurz)
  • Feinheit: 18-24 mic (fein bis medium)
  • Filzeigenschaften: gut
  • Faservorbereitung: feiner Kardieraufstatz oder kämmen.
  • Spinnen: woolen-spun, fein spinnen wegen dem Anteil kurzer Fasern
  • Tragekomfort: für direkten Hautkontakt geeignet.

 

Lincoln (Longwoolbreed)

 

lincolnlongwoolDie Lincolns sind die Giganten der Haarproduktion. Ihre Vliese sind schwer und liefern eine unglaubliche Stapellänge von bis zu 76 cm im Extremfall. Ihre Locken sind außerdem glänzend und seidig, aber auch gröber im Faserdurchmesser. Diese Rasse ist mit ihren fantastischen Locken besonders für Handspinner und Filter interessant. Aber auch als Einkreuzung für anderen Rassen, um die Wollqualität zu optimieren.

  • Stabellänge: 18-36 cm
  • Feinheit: 41-45 mic (grob)
  • Locken: schwere, üppige Locken, spiralförmige Enden mit definierten, regelmäßigen und großen Wellen
  • Spinnen: die Fasern eigenen sich für Lockengarne oder anderen texturierten Garnen in der Handspinnerei oder zum Filzen
  • Tragekompfort: die Locken sind schmeichelnde Effekte, aber das Garn aus ihnen strapazierfähig, aber selten.

 

Das Columbia-Schaf – eine Kreuzung aus Rambouillet und Lincoln

 

ColumbiaHochwertiges, weiches und kurzes Vlies trifft also auf gröberen Faserdurchmesser mit extremer Länge und großer Fasermenge. Das Ergebnis ist ein höher Vlies-Output mit feinen, aber längeren Haaren. Die Fasern haben kaum Glanz und ihr Krimp ist eher unorganisiert, was wieder mehr Volumen, Elastizität und Wären mit sich bringt. Columbia trägt noch viel Rambouillet in sich, aber zu einer Allround-Faser angepasst.

Übrigens gab es eine Mirror-breed, die Panamas. Sie entstanden Zeitgleich wie die Columbia aus den gleichen Ausgangsrassen, nur das die Geschlechter vertauscht wurden. Leider ist diese Rasse heute nicht bis kaum mehr zu finden.

  • Stapellänge: 7,5 – 15 cm (mittlere Länge)
  • Feinheit: 23-31 mic (medium)
  • Filzeigenschaft: gut
  • Faservorbereitung: kardieren, kämme, aus der Flocke spinnen, alles ist möglich
  • Spinnen: woolen, worsted, alles ist möglich.

 

 

 

Die Targhee-Mischung

 

TargheeDie Targhees entstanden aus einer Züchtung der USDA Shell Experiment Station in Idaho, USA in den 20ern. Es wurden also Rambouillets Böcke mit Mutterschafen bestehend aus Rambouillet mit Corriedales oder Lincolns gekreuzt. Es handelt sich also auch hier um einer optimierte Rambouillet-Rasse. Die Corriedale sind ihrerseits, wie die Rambuillets eine Kreuzung aus Merino und Leicester (also Lincolns). Uns begegnet also immer wieder die Mischung aus Rambouillet und Lincoln was ein Treffen von feiner Wolle mit lange Wolle bedeutet.

Die Traghee-Faser ist eine feine, weiche Wolle mit viel Volumen und Elastizität und daher besonders für Streichgarne geeignet. Die Elastizität ist eher weich und biegsam als federnd. Das ist eine Eigenschaft, die besonders in den Strickstücken aus den Tweedgarnen spürbar ist. Die Fasern sind matt und haben viel und unregelmäßigen Crimp (hoher Lufteinschluss und Volumen). Da diese Fasern auch kurz ausfallen könne, sollte sie mit viel Drall versponnen werden, sonst fehlt es dem Garn später an Stabilität und Belastbarkeit.

  • Stapellänge: 7,5-12,5 cm (kurz bis mittel)
  • Feinheit: 22 – 25 mic (medium)
  • Filzeigenschaften: gut
  • Faservorbereitung: abhängig von der Faserlänge kardieren oder kämmen, aus der Flocke, beim Kardieren den feinen Belag wählen, da es sonst zu Noppen kommen kann
  • Spinnen: woolen, behutsam mit viel Drall (kurze Faserlänge).

Das Targhee-Columbia im Garn

Die Targhee-Columbia Fasern enthalten einen hohen Anteil von Rambuillet-Eigenschaften. Sowohl das Targhee-Schaf wird durch Rambouillet dominiert, als auch das Columbia-Schaf. Immer wieder wurde das Rambouillet-Schaf durch Einkreuzungen von Lincoln hin zu etwas mehr Stapellänge und Belastbarkeit optimiert. Sicherlich taucht auch Corriedale im Genpool auf, doch auch diese Schafe sind eine Kreuzung aus Merino (dem Rambouillet-Ahne) und Leicester (dem Lincoln-Bruder). Wollen wir also unsere Tweedgarne verstehen, so sollten wir Rambouillet-Fasern verstehen.

 

Die Targhee-Columbiafasern sind also:

 

  • sehr leicht
  • sehr warm
  • sehr weich
  • voluminös
  • elastisch, aber nicht rückfedernd
  • matt
  • und in unserem Fall eher die kurze Variante

 

Für die Spinner heißt das:

 

  • Kardieren mit feinem Belag
  • spinnen aus der Flocke
  • flickkarden
  • Kämmen, falls die Fasern länger ausfallen
  • woolen, langer Auszug
  • mit wenig Zug um die Elastizität zu erhalten
  • feinere Einzelfäden, um die Stabilität trotz kurzer Fasern zu erhalten
  • Etwas mehr Drall als üblich, um die Belastbarkeit zu erhalten
  • Perfekt für Tweedmischungen oder Mischungen mit etwas längeren krausen Fasern.

 

Für die Stricker heißt das:

 

  • Ergibt ein weiches und leichtes Strickstück
  • Ergibt ein warmes Strickstück
  •  Es kann gut auf der Haut getragen werden
  •  Es kann auch mit etwas größeren Nadeln gestrickt werden ohne dass es an Wärme verliert
  • Die Maschen sind eher etwas heterogener und nicht so definiert wie bei glatten Garnen
  • Elastische Bündchen können schneller ausleihern und federn weniger zurück
  • Achtung beim Aufribbeln, das rauht die Garnoberfläche schneller auf und reduziert die Belastbarkeit.
  • Gut geeignet für Warme Kleidungsstücke, aber weniger für Handschuhe und belastete Teile.
  • Achtung beim Waschen!

 

Was ich noch besonders charmant an den Garnen von Brooklyn Tweed empfinde sind die Pflanzenreste. Die Firma wirbt mit ihrer schonender Waschung ohne keine chemische Behandlung. Das ergibt auch Sinn, denn die Fasern filzen schnell. Wer ein Garn mit absolut keinen Resten strickt, kann sich relativ sicher sein, dass da Chemie im Spiel war. Da zupf ich dich lieber?

Außerdem fehlt das Kämmen im industriellen Spinnprozess. Es wird direkt aus dem Vlies gesponnen. Das entspricht auch der typischen Vorgehensweise beim Handspinnen von Streichgarn. Die unterschiedliche Faserlängen bleiben erhalten und die das Garn wird mit viel Luft versponnen. So wird es so voluminös und wärmend, aber so kommt auch die leichte Unregelmäßigkeit in der Stärke zustande. Das gehört einfach zu deinem Garntyp dazu.

Bleibt die letzte Frage: Warum reißen die Garne so schnell?

brooklyntweedfaserlängeBrooklyn Tweed wirbt auf seiner Webseite damit, dass die Garne mit weniger Drall als üblich gesponnen werden. Genau das ist, so vermute ich, der Knackpunkt. Denn immer wieder las ich bei den Fasereigenschaften, der verwandten Schafrassen davon, dass der Spinner die kurzen Fasern mit etwas mehr Drall als üblich verspinnen sollte. Also genau das Gegenteil von dem was Brooklyn Tweed macht. Natürlich ist es dann so, dass die Weichheit und Lustigkeit dafür ein klein wenig einbüßen muss. Mehr Drall heißt macht den Faden immer etwas kompakter, dafür aber auch stabiler. Es geht also um die richtige Balance zwischen Weichheit, Lustigkeit, Volumen und Belastbarkeit und Stabilität. Jeder muss selbst entscheiden, was ihm in seinem Garn wichtiger ist. Die Brooklyn Tweed Garne sind definitiv zum Kuscheln!

 

 

 

 

Empfohlene Literatur

  • Robson, Ekarius: The Fleece & Fiber Sourcebook, o.O. 2011.
  • Parkes: The Knitter´s Book of Wool, New York, 2009.
  • Parkes: The Knitter´s Book of Yarn, New York, 2007.
  • Für Antiquariats-Liebhaber:
  • Frölich, Spötter, Tänzer: Wollkunde, Technologie der Textilfasern, Berlin 1929.

 

Fotos: eigene, CC-Commons sowie Abzüge aus Fiber Source Book (siehe Literatur).

Backlink:  http://www.maschenfein.de

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